Dies ist nun der letzte Eintrag in den Blog. Dank Ulrichs bester Vorbereitung war das Einpflegen der Daten für mich kein Problem, nur hin und wieder habe ich seine Texte vorsichtig der deutschen Hochsprache angepasst. Schade eigentlich, dass diese Episode nun zu Ende geht, doch freue ich mich auch auf ein persönliches Wiedersehen und bin gespannt auf Ulrichs ausführliche Berichte (nebst Tausenden von Fotos von Eisbergen). Auch von der Heimatbasis herzliche Grüße an alle an Bord von Polarstern.

Thomas Schlosser

Sonntag, der 24. Januar 2010

Letzter Arbeitstag und Abschied vom Schiff

In der Nacht haben wir es geschafft. Es liegen nun mehr als 1 Kilometer Sedimentkerne an Bord. Heute werden in flacherem Wasser die letzten Kerne genommen und ab 20.00 Uhr ist das wissenschaftliche Programm beendet. dann geht es ans Aufräumen. Die Polarkleidung muss verstaut werden. Die Labore werden für den nächsten Fahrtabschnitt gesäubert und vorbereitet.

Die Zusammenarbeit und das KnowHow aller an Bord haben zu diesem Erfolg geführt. Beispielhaft für alle zeigt das Photo das A-Team. Eine gute Stimmung hat die Arbeit aller geprägt und die Leistungen möglich gemacht.

Das A-Team

Die Luft ist heute angenehm warm, die Sonne scheint ab und zu und immer mehr Vögel fühlen sich in der Nähe von Polarstern wohl. Nur am Horizont zeigen sich Nebelbänke, die, so will man meinen, in ihren Schichtungen die Struktur der Sedimentlagen nachbilden. Ein letzte Gruß der Natur und eine Erinnerung an die Arbeit?

Albatrosse müssen landen, wir nach zwei Monaten auch

Nach einem Gesichtscheck werden wir Polarstern am Dienstag Morgen gegen 10.00 Uhr verlassen. Das Schiff war für zwei Monate unsere Heimat und hat uns mit allem versorgt, was man zum Leben braucht. Wir haben mal mehr und mal weniger geschlafen, was jedoch in keine Weise an den Kojen lag. Selbstverständliche kulturelle Tätigkeiten wie Duschen, Saunen, Sport, Festtagsmenüs, Wäsche waschen, Diskussionen in angenehmem Ambiente haben das Schiff bis in die südlichsten Breitengrade gebracht. Auch bei Wellengang hat sich jeder auf Polarstern sicher und geborgen gefühlt. Das lag in besonderer Weise auch an der Crew, die uns mit ihrem Engagement das Leben leicht gemacht hat. Auf welchem Schiff kann man als Gast schon in die letzten Winkel kriechen und so am Bordleben teilnehmen wie auf Polarstern? Für Kreuzfahrtschiffe werden Sterne vergeben. Polarstern hat nicht nur den Stern im Namen. Fügen wir noch fünf dazu und schon haben wir ein Sechssterneschiff. Und was will man mehr.

Brücke von Polarstern

Vielen Dank für eine außergewöhnliche Schiffsreise. Mein Dank gilt besonders Thomas Schlosser, der als Heimatbasis die Texte und Bilder ins Netzt gestellt hat. Meine Familie hat mich zwei Monate aus dem Alltag entlassen, auch dafür danke ich.

Ich wünsche Polarstern alles Gute für die weiteren Fahrtabschnitte und zukünftige Abenteuer.

Ulrich Breitsprecher

Freitag, der 22. Januar 2010

Der Zusammenhang

Auf unserer Reise haben wir bis gestern 9079 nautische Meilen zurückgelegt, wir haben über 900 m Sedimentkerne an Bord und stehen damit kurz vor dem Ende einer erfolgreichen Reise.

Fünf Jahre hat die Planung dieser Fahrt gedauert. Zehn Jahre werden ins Land gehen, bis alle Daten ausgewertet, in Zusammenhängen interpretiert und publiziert sind. Alles in allem ist die Expedition der wichtige Teil einer Kette von Arbeitsschritten, die - eingebunden in den internationalen Forschungszusammenhang - präzise Erkenntnisse zur Klimageschichte der Erde ermöglichen.

Die internationale Zusammenarbeit mit anderen Ländern ist an Bord hautnah zu erleben. Die Liste der beteiligten Institute aus Deutschland und der Welt ist lang. Sie ist darüber hinaus nötig, da Polarforschung sonst nicht zu bezahlen wäre. Die Antarktis spielt bei der Untersuchung der Klimaentwicklungen eine besondere Rolle, ist jedoch schwer zu erreichen. Polarstern ist eine Möglichkeit, die Polarregionen in angemessener Weise zu erforschen. Dies geschieht unter Einbeziehung internationaler Netzwerke, die insbesondere in den kalten Regionen besonders gut funktionieren. Schon in den fünfziger Jahren haben sich die Wissenschaftler aus Ost und West gegenseitig in den Polarregionen geholfen und ausgetauscht. In der Kälte hat der kalte Krieg nie stattgefunden.

Um das gesamte Erdsystem von der hohen Atmosphäre bis zu den tiefsten Meeresströmungen und Sedimenten zu erforschen, bedarf es der Zusammenarbeit aller. Das weltweite Projekt „Census of Life" z.B. untersucht innerhalb von zehn Jahren die Frage: Was gibt es überhaupt für Arten auf der Erde? Die Artenvielfalt und ihre Verteilung kann aber nur in gemeinsamer Arbeit vieler Biologen untersucht werden.

Auch im Bereich der Geowissenschaften gibt es Programme auf den verschiedensten Ebenen. Alle Daten der Messungen unserer CTD (Conductivity, Temperature, Depth - Leitfähigkeit, Temperatur, Tiefe) während der Expedition werden z.B. in internationale Datenbanksysteme eingetragen, deren Inhalte wiederum allen Wissenschaftlern zur Verfügung stehen.

Viele Fragestellungen sind so komplex und vielfältig, dass die Kapazitäten einzelner Institute bei weitem nicht ausreichen, die Daten zu sammeln und zu interpretieren. Unsere Expedition in den Südpazifik ist Teil des Projekts „Bipomac“ (Bipolar Klimate Machinery). In diesem Projekt geht es um die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen der Nord - und Südhalbkugel in den verschiedensten Bereichen (z.B. Permafrost, Atmosphäre, Weltmeere, Eisränder). In der Atmosphäre sind diese kaum untersucht, während man die Strömung von Wasser aus dem Pazifischen Ozean über den Indischen Ozean bis in den arktischen Ozean verfolgen kann.

Der Südozean als das größte Strömungsgebiet der Erde wirkt wesentlich auf diese Prozesse ein. Da ist es kein Wunder, dass die Expedition so angelegt ist, dass sie eine Vielzahl unterschiedlicher Daten aus dem Südpazifik nehmen kann. So kreuzen wir mehrfach die Polarfront, die einen Wechsel in den Temperaturen des Südozeans markiert. Aus den Sedimentkernen kann man Veränderungen im Verlauf der Front ablesen und damit Rückschlüsse auf Klimawechsel in der Vergangenheit ziehen. Aber auch hier gilt: Eine einzige Messreihe fundiert keine Aussage. Erst das Zusammenspiel vieler Messungen, komplexe Überprüfung in den verschiedensten Kernen und unabhängige Untersuchungsmethoden führen zu gesicherten wissenschaftlichen Ergebnissen. So ist ANTXXVI/2 Teil einer globalen Strategie, um die Klimaentwicklung der Erde zu rekonstruieren und besser zu verstehen.

Ulrich Breitsprecher

Donnerstag, der 21. Januar 2010

Land

Nach 55 Tagen auf See ohne einen Blick auf eine Landmasse haben wir uns gegen 20.10 Uhr auf der Brücke eingefunden. Um diese Zeit sind die Antipodes-Inseln nur 15 nm vom Schiff entfernt. Vielleicht können wir sie ja mit dem Fernglas wahrnehmen? Die Sonne steht genau im Westen am Horizont, da wo auch die Silhouette der Inseln auftauchen sollte. Infos aus dem nautischen Handbuch besagen, dass die Klippen 200 m hoch sind und die Inselgruppe aus vulkanischem Material besteht. Antipodes-Inseln heißen sie deshalb, weil man annahm, dass genau auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel London liegt. Das stimmt zwar nicht ganz (es ist Cherbourg in Frankreich), aber wir sind an dem Punkt der Erdkugel angelangt, an dem wir am weitesten von Westeuropa entfernt sind. Der Antipode von Bremen liegt leider im Wasser.

Zurück zur Insel: Wolkenverhangen bleibt der Horizont. Die Sonne glüht rot darüber. Es ist nichts zu erkennen. Doch das geschulte Auge des Seemanns sieht jede Veränderung. Uwe zeigt uns genau, wo wir hinschauen sollen. Nichts zu sehen. Erst nach mehrmaligem genauen Hinschauen mit verschiedenen optischen Hilfsmitteln schält sich mit geringem Kontrast eine Klippe aus dem Dunst. Kein Zweifel, die erste Sicht auf Land nach Wochen. Auch die Luft riecht anders und die Anzahl der Vogelarten, die das Schiff begleiten, hat sich erhöht. Kein Zweifel: Die Reise nähert sich dem Ziel - Wellington. Wir werden höchstwahrscheinlich (????) am Dienstag Morgen gegen 6.00 Uhr einlaufen - höchstwahrscheinlich!

Eine fotografische Ahnung der Antipodes-Inseln

Auch nach der Grundreinigung der Labore und der Nähe des Zielortes sind wir unentwegt dabei, Proben zu nehmen. So haben wir eine kontinuierliche Strecke von der Eiskante bis vor Neuseelands Küste untersucht, für die späteren Forschungen eine wichtige Kontinuität.

Heute kam zum ersten Mal der Kastengreifer zum Einsatz, um eine möglichst große Sedimentoberfläche zu gewinnen. Er wirkt wie eine große Schaufel und kann daher anders als die Lote eine große Fläche des Meeresbodens nach oben bringen.

Ulrich Breitsprecher

Mittwoch, der 20. Januar

Mit Volldampf nach Norden

Wir verlassen die südlichen Gefilde, haben den letzten Kern auf dieser Reise geöffnet (es fehlt das zarte Geräusch der Vibrationssäge im Raum) und räumen unseren Arbeitsplatz im Geophysiklabor ab. Wehmut kommt auf, doch der Reinigungsprozess schreitet unnachgiebig voran. Versteckte Diatomeen, Sedimentreste, sie werden erbarmungslos von Lappen und Bürste gejagt. Die See ist spiegelglatt und die Aktion verläuft ohne Schwankungen. Die Sonne jedoch will sich nicht an den blanken Wänden des Schiffes spiegeln. Der Meteorologe lehnt jeden Bestechungsversuch zur Wettermanipulation ab, d.h. Sonne erst in den nächsten Tagen.

Wichtige gesellschaftliche Ereignisse prägen den letzten Teil unserer Expedition. Eine Einladung der Wissenschaftler zum Fahrleiter in die Kammer, der spanische Abend im Zillertal mit Sangria und Tapas von unseren spanischen Freunden Gemma, Mariem und Alfredo - es war eine tolle Stimmung - vielen Dank für das mediterrane Flair im Südpazifik - motivieren uns, bei den Probenentnahmen in neuseeländischen Gewässern noch einmal alles zu geben. Aushänge weisen unwiderruflich auf das Ende des Fahrtabschnitts hin: Letzte Wäsche am 24. Januar, letzte Email am 24. Januar 19.00 Uhr, letztes Mal shoppen bei Moni, Abrechnungen hier, Abrechnungen da, Säubern und Verstauen der Polarkleidung.

Der Pazifik zeigt ein neues Gesicht. Bei geringer Dünung und glatter See sind im Wasser treibende Gegenstände gut zu entdecken. Vermeintlicher Müll entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Kelp (großer Seetang, der auf der Wasseroberfläche treibt). Die Farbe des Wassers hat sich in ein dunkles Blau gewandelt, aus dem nur die Schiffsschrauben die türkis schimmernde Gischt hervorzaubern. Die Luft empfinden wir mit 9,43° C als warm.

Ulrich Breitsprecher

 

Donnerstag, den 15. Januar 2010

Nordwärts und einen Tag jünger

Nordwärts ist der Kurs gerichtet und wieder taucht der Bug von Polarstern in eine 4 - 5 m hohe Dünung ein. Wir haben den 60. Breitengrad überquert und befinden uns in den Roaring Fifties. Geschickt nutzen wir Wetterfenster mit weniger Wind und geringer Dünung, um Station zu machen und weitere Proben zu gewinnen. Unseren ursprünglichen Kurs halten wir dabei jedoch nicht ein und dampfen weiter östlich in Richtung Neuseeland. Erst in den nächsten Tagen, wenn wir die starken Winde hinter uns gelassen haben, schwenken wir wieder auf unseren ursprünglichen Kurs ein. Auf Polarstern haben wir die Datumsgrenze bereits überschritten, d.h. der Mittwoch ist ausgefallen. Ich bin jetzt einen Tag jünger (oder doch nicht?). So rückt der Sonntag mit dem Wiegeclub schneller heran als geplant. (Ich habe mein Gewicht übrigens bei 75 Kilo stabilisiert, trotz der Eismassen zum Lunch).

Letzter Blick auf die schwindenden Eisberge

An Bord wird jetzt fleissig getippt, denn der Fahrtbericht muss bis zum Ende der Reise fertiggestellt werden. So ist jeder dabei, eine erste Übersicht seiner Forschungsergebnisse digital niederzulegen.

Abendliche Meetings mit Vorträgen der Wissenschaftler haben das Bordprogramm in den letzten Tagen abgerundet. Die Übersicht über die Arbeiten der Doktoranden und Wissenschaftler eröffnete einen guten Einblick in die Arbeitszusammenhänge der Gemeinschaft. Ich hätte das Fach Chemie doch nicht nach der 10. Klasse abwählen sollen, denn eine Vielzahl der Verfahrensweisen zur Untersuchung vergangener Klimaverhältnisse kommt ohne chemische und biologische Zusammenhänge in keiner Weise aus. Mit detektivischem Spürsinn werden die unterschiedlichsten Methoden angewendet, um ein historisches Klimabild der Erde zu erstellen. Spannend dabei ist, dass die Übereinstimmung der Klimaverhältnisse trotz der differenzierten Herangehensweisen groß ist. Damit wird der Rückblick nicht nur genauer, sondern auch vielseitig wissenschaftlich untermauert.

Besondere Eindrücke gehen jedoch nicht nur von der wissenschaftlichen Kompetenz an Bord aus. Auf die Frage: „Was fasziniert dich an dieser Reise?“ gibt es die unterschiedlichsten Antworten.

Daniel: Wir sind zwei Monate unterwegs ohne einen Hafen anzulaufen oder Land zu betreten. Das gibt es in dieser Form heute nur noch ganz selten.

Marie: Ich merke wieder mal, wie schnell ich auf viele Dinge des Alltags verzichten kann, kein Mobiltelefon, keine Nachrichten, kein Facebook. Ich brauche auf der Reise ganz wenig.

Ling: Trotz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Charaktere arbeiten alle gut zusammen.

Cornelia: Ich erlebe hier, wie die Menschen wirklich sind. Niemand kann sich bei dem engen Zusammenleben an Bord zwei Monate lang anders geben. Diese Situation finde ich faszinierend.

Für mich war die Nähe zu den Eisbergen so beeindruckend, dass sogar die Mannschaft schon nachfragte: „Na, heute noch keinen Eisberg fotografiert?"

Für das Gästebuch an Bord haben wir ein Gruppenfoto aller Wissenschaftler aufgenommen. Für die Aufnahme danken wir Rodney, der als nautischer Praktikant mitfährt. So sind alle auf dem Bild vereint.

Alle Wissenschaftler auf dem Helideck

Freitag, den 8. Januar 2010

Polarkreis erreicht!

Nach der Überschreitung des Polarkreises (66,3° S) sind wir nun umgeben von den erhofften Eisbergen. Bei meiner morgendlichen Walwache zählte ich 35. Es ist ein unglaublicher Anblick und die Festplatte meines Macs füllt sich dramatisch mit Fotos. Die See ist ruhig und neben Kolossen riesigen Ausmaßes liegen kleine grünblau gefärbte Kunstwerke. Alle strahlen eine Ruhe und Gelassenheit aus, die sich auf den Beobachter überträgt. Ich staune und schaue und staune und kann den Blick kaum abwenden. Neben den Eisbergen sind zwei Weißflügel-Sturmvögel aufgetaucht und verweisen auf das nahe Meereis. Nur die Bugwellen und das entfernte Geräusch der Polarsternmotoren durchbrechen die Stille. Ein großes Lob an den Reiseveranstalter für diesen Fahrtabschnitt, der nach meiner Ansicht nicht zu enden braucht.

Ulrich Breitsprecher

Donnerstag, den 7. Januar 2010

James Cook und wir

Ich liege nach getaner Arbeit in meiner Kammer und lese bei gemäßigten 22°C Raumtemperatur und einer Außentemperatur von 0°C eine Biografie über den Entdecker James Cook (Danke Ute). Dabei wird mir bewusst, wie luxuriös wir auf Polarstern reisen. Die Daten aus dem Buch habe ich mit unseren Reisebedingungen verglichen und da hört jedes aber noch so leise Jammern über Anstrengungen an Bord schlagartig auf. Genüsslich mache ich es mir auf dem Bett gemütlich und versenke mich in die weit entfernt liegenden Anstrengungen von Cook und seiner Mannschaft, die zu den herausragendsten seemännischen Leistungen überhaupt gehören.

Cook hat auf seiner zweiten Reise von 1772 - 1775 die Region des südlichen Pazifik auf der Suche nach einem großen Südkontinent zweimal befahren. Dabei ist er bis auf 75 Meilen an die antarktische Küste vorgedrungen und hat den 71. Breitengrad überquert (Wir machen heute am 8. Januar 2010 Station bei 66°38' südlicher Breite und haben den Polarkreis damit hinter uns gelassen). Cook schreibt:

„Der Ehrgeiz führt mich nicht nur weiter als je einen Menschen zuvor, sondern so weit, wie für den Menschen überhaupt möglich."

Die „Resolution“, das Schiff, mit dem Cook auf seiner 2. Reise mit 123 Mann über 70000 Meilen segelte, war ein Kohlenschiff von 462 Tonnen, dass nicht für eine Weltumsegelung gebaut war. In den drei Jahren seiner Reise verlor er nur vier Mann und nur einen durch Krankheit (Tuberkulose), die anderen durch Unfälle. Das war neben der seemännischen eine außergewöhnliche Leistung, die ihm höchste Anerkennung einbrachte.

Karte von Hartmut Seidel

Im Südozean (siehe Karte) war Cook 117 Tage außer Sicht von Land. Es gab gepökeltes Schweine- und Rindfleisch, Schiffszwieback und als Besonderheit zum Frühstück in den kalten Regionen ein Extraglas Branntwein zum Aufwärmen. Cook führte als Neuerung Karottenmarmelade gegen Skorbut mit, weiterhin gab es Käse und Hafergrütze. Insgesamt nahm ein Matrose zu Cooks Zeiten 4500 Kalorien pro Tag zu sich. Auf der zweiten Fahrt in den Süden wurden die Lebensmittel knapp, so dass auch Seelöwen und Seebären auf dem Speiseplan standen. Diese wurden aber im Geschmack weniger geschätzt.

Wir dagegen lesen den Aushang des heutigen Tagesmenüs: Erbsensuppe, Schollenfilet "Finkenwerder Art", Kartoffelpüree, Reis, Obst. Dazu natürlich noch Kaffee oder Tee nach Wahl.

Polarstern ist 117,91m lang, 25m breit und insgesamt 52,20m hoch. Das Schiff hat einen Tiefgang von 11,21m und wiegt 10.878,52 Bruttoregistertonnen (BRT). Das Schiff ist ein Eisbrecher und die Metallplatten am Bug sind bis zu 7 cm dick (Informationen zur Maschine kann man bei Addy lesen). Wir reisen also mit viel Platz und großer Sicherheit. Zweibettzimmer, heiße Duschen, Sportmöglichkeiten, eine Sauna, Aufenthaltsräume und eine Vielzahl von Speziallaboren machen das Leben und Arbeiten an Bord angenehm. Auch sind 40 Mann weniger als bei Cook an Bord.

Foto von Jürgen Gossler

Für mich einer der wesentlichen Unterschiede ist jedoch, dass Cook ein ihm unbekanntes Gebiet befuhr. Er wusste nicht, was ihn erwartete, und hatte als neueste technischer Errungenschaft ein Chronometer an Bord, welches auf See die genaue Uhrzeit anzeigte. Wir dagegen nutzen modernste Karten und satellitengestützte Navigationssysteme. Polarstern kann den Meeresboden und sogar die Tiefe der Sedimentschichten mit seinen Geräten bestimmen. Auch wenn die Route seid vielen Jahren kaum befahren wird, so wissen wir doch sehr viel über unseren Track.

Doch für beide Expeditionen, die von Cook und ANTXXVI/2 gilt: Nur seemännisches Können und die Erfahrungen von Wissenschaft und Besatzung bringen den Erfolg. Cook hatte ihn, wir werden ihn haben.

Ulrich Breitsprecher

Buchtipp: Cook von Tony Horwitz, Piper 2002, ISBN 978-3-492-24473-2 14,95 €

Sonntag, den 3. Januar 2010

Dies und das und Wellengang

Nun sind alle Feiern gefeiert, Geburtstage, Weihnachten, Midcruise. Zum Jahreswechsel hatte der Kapitän auf die Brücke geladen. Im Dämmerlicht der südpazifischen Mitternacht, erleuchtet von den Kontrolllampen der Instrumente haben wir uns zugeprostet - ein ungewöhnlicher Ort für einen unvergesslichen Jahreswechsel. Musik und Tanz zu Silvester orientierten sich am Arbeitsplan und führten zu einer Verlängerung der Festivitäten weit in den 32. Dezember hinein. Der Neujahrstag empfing uns dann mit bestem Sonnenschein und blauem Himmel.

Fünf Wochen bin ich an Bord, drei Wochen liegen noch vor uns. Mit der Gewöhnung an das Bordleben vergeht die Zeit immer schneller. Gemeinsames Feiern und Arbeiten verbindet. Die Arbeitsatmosphäre ist einfach sehr gut und man begegnet meiner ungehemmten Neugier immer noch mit Verständnis. Crew und Wissenschaftler beantworten meine Fragen mit viel Geduld.

Ungeduldiger ist die See. Konnten wir zu Beginn der Reise einem Schlechtwettergebiet noch weiträumig ausweichen, so müssen wir die Stationen jetzt dem Wetter anpassen. Gut, dass wir den Deutschen Wetterdienst an Bord haben. So berichtet Harald jeden Morgen um 11.00 Uhr beim täglichen Meeting, was uns wettermäßig erwartet. Gestern und heute konnten wir uns auf Wellenhöhen bis zu 6 m einrichten. Je nachdem, welchen Kurs Polarstern nimmt, bedeutet das unterschiedliches Rollen und Stampfen des Schiffskörpers. Sind wir gestern noch mit den Wellen gen Süden „gesurft“ und haben nur leichte Bewegungen gespürt, so kehren wir heute in eine interessante Region nach Norden zurück - mit dem Ergebnis ganz anderer Schiffsbewegungen und daraus resultierender Schlaflosigkeit.

…und trotzdem. Der Blick in die Weite des Pazifik, das Heranrollen der Wellen, die weiß gesprenkelte See, das Grünblau der sich brechenden Wellen am Schiff, die Eleganz der Albatrosse und Sturmvögel, all das fasziniert wie am ersten Tag.

Ich wünsche allen ein erfolgreiches und gesundes Jahr 2010.

Ulrich

Montag, den 28. Dezember 2009

… und wenn die Kerne an Bord sind…

Mit dem Kolbenlot erhalten wir Sedimentkerne in einer Länge von durchschnittlich 22m. Diese werden, wie bereits beschrieben, in Segmente von 1m Länge geschnitten und dann auf ihre Magnetisierbarkeit und Dichte untersucht. So kann man schnell feststellen, ob der Kern interessante Inhalte birgt.

Danach werden die wichtigsten Sedimentkerne an Bord geöffnet, indem man sie der Länge nach durchschneidet. Die eine Hälfte wandert ins Archiv, die andere wird weiter untersucht.

Die Qualität der „Beute“ wird eingeordnet: Was ist drin? Struktur, Färbung und Bestandteile werden mit Auge und Mikroskop beurteilt. Daraus ergibt sich eine erste Kernbeschreibung, die Interessierten Hinweise über die Sedimentzusammensetzung gibt. Diese Untersuchungen können manchmal auch schon erste Hinweise auf Schwankungen im Klima liefern. Ein Beispiel: Findet man Steine im Sediment, müssen Eisberge unterwegs gewesen sein, um sie dorthin zu transportieren. Es sollte kälter gewesen sein. Doch nicht nur die Zusammensetzung der Sedimente ist wichtig, auch das Alter der angestochenen Schichten ist von großer Bedeutung.

Daher werden Smear Slides (Probenentnahme mit dem Zahnstocher) von verschieden Abschnitten jedes Sedimentkerns hergestellt, um schon an Bord mit Hilfe der Biostratigraphie zu prüfen, welches Alter die unterschiedlichen Schichten besitzen.
Mit der Biostratigraphie werden die lebendbasierenden Komponenten des Sedimentes erfasst. Dabei werden im wesentlichen Mikrofossilien folgender Gruppen unter dem Mikroskop untersucht: Coccolithen (die kleinsten aller Fossilien), Diatomeen (Kieselalgen), Dinoflagellaten, Radiolarien und Foraminiferen. Bekannt sind sogenannte Leitfossilien, die erdgeschichtlichen Zeitabschnitten zuzuordnen sind. So sind die Evolutionszyklen dieser Fossilien bekannt, d.h. wann sie das erste Mal aufgetreten sind, wann sie ausgestorben sind. So kann je nach Vorkommen bestimmter Arten in den einzelnen Schichten des Sediments das Alter ermittelt werden. Die Sedimentkerne, die wir in den ersten Wochen der Fahrt gewonnen haben, erreichen häufig einAlter von 1,2 - 2,2 Millionen Jahren.

Actinocyclus Ingens (Foto von Oliver Esper)

Weiterführende stratigraphische Untersuchungen an den Sedimentkernen finden dann im heimatlichen Labor statt. Durch geophysikalische Messungen kann die erdmagnetische Ausrichtung des Materials festgestellt werden. Das Erdmagnetfeld dreht ungefähr alle 0,5 Millionen Jahre seine Polarität um – der Nordpol wird zum Südpol. Die zeitliche Abfolge dieser Ereignisse ist bekannt. Der Vergleich der Ausrichtung des Magnetfeldes in Proben aus unserem Sedimentkern mit dieser “magnetischen Zeitskala” ermöglicht eine erdgeschichtliche Einordnung.

Die Sauerstoffisotopen-Stratigraphie bietet eine zusätzliche Möglichkeit, das Alter unseres Sedimentkernes genauer zu bestimmen. Die Sauerstoffisotopen sind u.a. ein Anzeiger für das globale Eisvolumen und viele Fossilien haben in ihren Schalen diese wesentlichen Informationen über das Klima gespeichert. So haben z.B. die Foraminiferen, mikroskopisch kleine Meerestiere mit einer Kalkschale, zu Lebzeiten die im Meerwasser vorhandenen Sauerstoffisotopen geschnappt und in ihre Schale eingebaut. Das Sauerstoffisotop 16O ist leichter als das Sauerstoffisotop 18O und verdunstet daher eher. In einer Kaltzeit wird dieses Isotop nach der Verdunstung aus dem Meer und Niederschlag als Regen oder Schnee im Eis der Gletscher gespeichert, d.h. im Meer verbleibt relativ mehr 18O. Findet man nun z.B. in einer Foraminiferenschale im Verhältnis mehr 18O, so deutet dies auf viel globales Eis , also eine Kaltzeit hin. In einer Warmzeit werden die Eiskappen kleiner, mit dem Schmelzwasser wird das leichtere Sauerstoffisotop 16O wieder ins Meer transportiert und das Sauerstoffisotopen-Verhältnis im Meerwasser und in der Foraminiferenschale zeigt geringere Werte. . Der zyklische Wechsel von Kalt- und Warmzeiten in der Vergangenheit, die “Fieberkurve der Erde”, ist gut untersucht und dokumentiert. Wenn wir Sauerstoffisotopen-Verhältnisse von Foraminiferen in verschiedenen Schichten unseres Sedimentkernes bestimmen, können wir diese neue “Klimakurve” mit der globalen “Fieberkurve” der Kalt- und Warmzeiten vergleichen und erhalten so wichtige Informationen über die zeitliche Einordnung der Sedimentabfolgen.

Asteromphalus Sp (Foto von Oliver Esper)

Und so eine Altersbestimmung der Sedimentkerne ist erst der Anfang. Bis wir die Klimageschichte des Südpazifiks erzählen können, müssen noch viele aufwändige Untersuchungen durchgeführt werden.

Wie man sieht, hat es ein Kern auf Polarstern nicht leicht, genau wie der Lehrer, der das alles fast oder ungefähr verstanden haben will.

Ulrich Breitsprecher mit großer Unterstützung von Silke Steph und Oliver Esper

Freitag, den 25. Dezember 2009

… und um 7.00 Uhr kommt das nächste Weihnachtsgeschenk.

Endlich sind sie aufgetaucht. Nach dem Anstandseisberg nahe der chilenischen Küste ist die Nachricht von Michael Ritter auf der Brücke alarmierend. Eisberg Backbord voraus - Danke Michael!

Kamera gegriffen und nichts wie raus. Und da schält sich etwas Blaues aus dem Nebel. Erste Umrisse lassen die zerklüftete Form des Eises erahnen. In ruhigem Fahrwasser nähert sich Polarstern dem Berg. Es ist kalt und Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Aus der Ahnung wird Gewissheit, wir nähern uns einem großen, bizarren Eisberg. Lautlos liegt er da. Und trotzdem ist die Form bewegend. Das Blau des Eises ist im Grau des Weihnachtsmorgens kaum wahrnehmbar. Nach 15 Minuten ist der Koloss hinter uns im Nebel verschwunden, aber die Radaranlage auf der Brücke verheißt mehr.

Und so kommt es denn auch. Der Nebel lichtet sich. EIn klarer Horizont ist zu sehen und dazwischen leuchten weit entfernt Eisberge in der Sonne. Ein rascher Blick auf den Kurs, ja!!! Polarstern hält auf einen zu. Immer deutlicher zeichnet er sich vom Horizont ab. Er scheint zum Greifen nah. Nun die Frage von Holger auf der Brücke: „Na, wie hoch schätzt du den Eisberg?“ Ich, mit den Erfahrungen einer Landratte: „Zwanzig Meter mindestens!" MIt einem leisen Lächeln auf den Lippen kommt das Feedback. „Der ist 7 nautische Meilen entfernt und du hast weit daneben getippt. Der ist 70 m hoch.“ Kaum zu glauben, aber in der ruhigen See täuscht den Unerfahrenen Entfernung und Größe. Es ist also eine ziemliche Eismasse, die da auf der Backbordseite ruhig ihre Bahn zieht. Im Wasser um den Riesen dümpeln kleine Eisblöcke vor sich hin. Sie werden ab und zu von der Bugwelle von Polarstern elegant aus der Bahn geworfen. Kalt ist es heute vormittag nicht mehr. Nur die Aussicht zeigt an, dass wir unseren bis jetzt südlichsten Punkt erreicht haben (aber keine Angst, im Januar geht´s noch mal südlicher).

Neben den wunderbaren Geschenken an Bord, den Präsenten durch das „Schrottwichteln“ (Wer kennt das ?) waren die Eisberge am Morgen des 1. Weihnachtstages eine weitere Überraschung der „Reiseleitung“. Besser geht's nicht.

Mittwoch, der 23. Dezember 2009

Heute gegen 9.30 Uhr Schiffszeit tauchten auf der Steuerbordseite zwei
Finnwale auf. Wir haben jetzt den 60. Breitengrad überquert und haben
während der Stationen, an denen die Proben geholt werden, einen
Walbeobachter auf der Brücke (Pflicht). Die ganze Nacht und in den frühen
Morgenstunden haben wir von der Brücke aus gesucht und beobachtet. Nix!
Erst als wir schon einen längeren Zeitraum zur nächsten Station gedampft
waren, rief die Brücke an. Wale!!! Alle Arbeit liegenlassend stürmte die
Schicht auf die Brücke, Fotokameras im Anschlag und in der Tat: erst in
weiterer Entfernung, dann näherkommend konnte man den Blas (Fontäne aus
dem Atemloch) erkennen. Schließlich waren die Tiere nur noch 150m von der
Bordwand entfernt und es war ein prächtiges Schauspiel, die neugierigen
Tiere zu beobachten. Nach einigen Minuten verloren sie dann das Interesse
an Polarstern und machten sich gegen Westen davon. Was bleibt , sind die
Fotos. Eines könnt ihr hier sehen. Ich hoffe, wir werden mehrere
Erlebnisse dieser Art haben, über die ich berichten kann.

Dienstag, der 22. Dezember

Weihnachtsstimmung ohne Dunkelheit

Zum Weihnachtsfest wünsche ich Euch alles Gute und ein paar entspannte Tage. Auch wenn es hier kaum dunkel wird, vermitteln die Temperaturen eine leicht winterliche Atmosphäre und schneien soll es in den nächsten Tagen auch. Wir sind gespannt. Der Weihnachtsbaum liegt zwar noch im Kühlraum, wird aber für die Feier an Bord übermorgen hervorgeholt. Die Keksteller sind seit drei Wochen immer gut gefüllt und haben die kommenden festlichen Tage wunderbar vorbereitet. Bleibt noch, euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen, indem wir uns in alter Frische wiedersehen werden.

Viele Grüße von der südlichen Polarfront sendet

Ulrich Breitsprecher

 

Samstag, der 19. Dezember

Das Schiff - ein eigener Kosmos

Du stehst an der Reling, der Wind treibt dir die Tränen in die Augen, Du greifst zum Taschentuch, trocknest dein Gesicht. Gleich darauf flattert die Zellulose lustig über Bord - eine Situation wie auf jedem Schiff. Nein, nicht auf jedem Schiff, denn es gibt ein Schiff, das sich dieser Situation widersetzt. Der Wind - OK, die Tränen -na klar - das Taschentuch - auch gut, nur das lustige Flattern über Bord kann eine ernste Krise auslösen. Auf Polarstern geht nämlich grundsätzlich kein Müll über Bord, ganz im Sinne meiner eigenmächtigen Abwandlung der buddhistischen Aussage: Fahre über das Meer und hinterlasse keine Spuren. So wird grundsätzlich jeder Abfall getrennt und bis Bremerhaven gelagert. Das Wasser wird mehrfach genutzt und erst in gereinigtem Zustand dem Meer wieder zugeführt. Gleiches gilt für Träne und Taschentuch.

So ist Polarstern in vielen Dingen autark wie ein uns allen bekanntes gallisches Dorf. Es gibt die bestens ausgestatteten Kammern für Besatzung und Wissenschaftler, zwei Messen, eine Bäckerei, eine Lounge, eine Bar, einen Sportbereich mit Sauna, Einkaufsmöglichkeiten, die Arztpraxis, eine Wäscherei, eine Bibliothek, den Arbeitsbereich mit Werkstätten tief im Bauch des Schiffes, die Labore, ein Rechenzentrum, ein eigenes Intranet, einen Fernsehsender, eine Chefetage mit Zugang für alle, Flaniermeilen und eine Raucherecke. Ein Flugplatz mit eigenem Gerät ist vorhanden. Es gibt das Postamt mit deutschen Wertzeichen, die Telefonzelle, eine eigene Wetterstation, Lagerhallen und zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas zu essen. Und das Ganze findet sich auf einer Fläche von nur 118m x 24m. Polarstern ist dazu 52m hoch und für mehr als 80 Menschen ausgelegt und alle ziehen an einem Strang.

Der Bordalltag ist durch feste Zeiten geregelt. So bilden die Essenszeiten eine angenehme Zäsur in den Schichten und die Überlegungen, welche Art Kuchen es zum Kaffee um 15.30 Uhr gibt, zaubert ein Lächeln auf die Gesichter. Verantwortlichkeiten sind klar geregelt und den Sicherheitsbestimmungen ist - zu Recht - in hohem Maße Folge zu leisten.

Die Vielfalt der Menschen und Möglichkeiten an Bord erleichtert das Miteinander, unterstützt durch die Akzeptanz des Privaten. Tür zu: Ich will nicht gestört werden, wenn es dringend ist, ruf mich an. Tür auf, komm herein, sei mein Gast. Fast alle Türen stehen am Tage auf Polarstern offen. Nur die schlafende Nachtschicht gönnt sich die Ruhe der geschlossenen Tür.

Treffpunkt ist nicht nur der Arbeitsplatz. Jeder erläutert freimütig seine Forschungsvorhaben auf dem Gang oder im Labor. Nach dem Essen trifft sich der Kommunikationsfreudige im roten Salon zur Besprechung neuer Vorhaben auf der nächsten Station, zur Diskussion des letzten Spiels von Werder Bremen gegen Schalke oder zur gemeinsamen Planung von Veranstaltungen am Abend im Zillertal.

Die Kommunikation durch Emails integriert die Außenwelt in den Schiffsalltag und rundet das Gefühl einer harmonisch funktionierenden Gemeinschaft ab.


Blog, Montag, den 7. 12.2009

Nikolaus, Teamarbeit und Wiegeclub

Auch im Südpazifik gibt es den Nikolaus. Der Schornstein von Polarstern ist so groß, da hat er keine Schwierigkeiten an Bord zu kommen und so bedachte er gestern alle Menschen an Bord. Herzlichen Dank.

Der Nikolaustag war auch geeignet, die Besonderheiten, die in den ersten Kernen zu finden waren, allen an Bord während unserer regelmäßigen 11.00 Uhr Versammlung (Church) zu präsentieren. So waren in einem der Kerne besonders schön die Reste des Asteroiden zu sehen, der vor 2,5 Millionen Jahren im Eltanin Gebiet (benannt nach einer tektonischen Struktur, der „Eltanin Frecture Zone" und für diese war wieder ein amerikanisches Forschungsschiff Namensgeber) eingeschlagen ist. Auch die Auswirkungen dieses „Impacts“ war deutlich abzulesen.

Unter dem Mikroskop sind geschmolzene und ungeschmolzene Teile des Asteroiden sehr gut zu sehen. Ihre Größe beträgt 1 - 2 mm. Unvorstellbar, dass dieses Material so alt ist wie das Universum. Größere Manganknollen waren weiter Teile der „Beute“, sowie ein Stein aus Basalt. Seine Herkunft kann durch den Transport mit Gletschern erklärt werden - ein weiterer Stein aus einem anderen Kern weist deutliche Schleifspuren auf - die Herkunft der Eisberg selbst ist jedoch ungewiss.

Um genau diese Inhalte zu finden, sie in den gezogenen Kernen zu entdecken und zuzuordnen, ist ein hohes Maß an Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Wissenschaftlern und der Crew an Bord nötig. Die Notwendigkeit dieser Abstimmungen und ihr letztendlicher Erfolg faszinieren mich und zeigen, wie wichtig es ist, schon in der Schule die unterschiedlichen Kompetenzen der Schüler miteinander zu verknüpfen.

Der Arbeitsablauf:

1. Das Team „Parasound“ beobachtet den Meeresboden in der Gegend der vom Fahrtleiter ausgewählten Stationen. Mit der Differenzfrequenz von 18 kHz und 22 kHz (4 kHz) wird der Meeresboden unter einem Winkel von 4,5° abgetastet. Je nach Beschaffenheit zeigt das Parasoundsystem die Schichtungen im Sediment bis zu 200 m Tiefe an. Bei einer für Proben gut geeigneten Bodenbeschaffenheit (siehe Foto Parasound) wird die Position ermittelt und der Fahrtleiter benachrichtigt. Er entscheidet, ob und an welcher Stelle genau die Station durchgeführt wird, d.h. wo das Schiff anhält und Proben genommen werden.

2. Die Brücke achtet darauf, dass das Schiff genau an der angegebenen Position verbleibt.

3. Crew und Wissenschaftler verbringen das Kolbenlot außenbords. Der Mann am Windenleitstand sorgt für ein reibungsloses Absenken und Einholen des Gerätes.

4. Nach dem das Kolbenlot wieder an Bord ist, wird zuallererst eine Probe (SmearSlice) vom Boden des Kerns genommen, um zu bestimmen, wie alt die unterste Sedimentschicht ist. Danach wird das 25 lange Kolbenlot in Segmente von 5 m Stücke aufgeteilt, die sorgfältig nummeriert bei uns ins Nasslabor gebracht werden. Dort wird der Kern in 1m Stücke aufgeteilt. Jedes mal wird von der Unterseite wieder ein SmearSlice erstellt, um eine erste Einschätzung der Probe vornehmen zu können. Jede der Teilproben wird genau beschriftet, damit jederzeit eine eindeutige Zuordnung gewährleistet ist.

5. Unter dem Mikroskop werden die Proben auf Mikrofossilien untersucht, um Datierungen vornehmen zu können. Diatomeen, Foraminiferen oder Radiolarien können darüber Auskunft geben, aus welcher erdgeschichtlichen Zeit die Sedimentprobe stammt.

5. Die Meterstücke werden in das physikalische Labor gebracht und dort auf ihre Suszeptibilität (Wie stark lässt sich der Inhalt magnetisieren), Leitfähigkeit (Wie viel Wasser enthält die Probe), und die Dichte untersucht. Interessante Stellen werden zurückgemeldet.

6. Proben, die durch die physikalische Untersuchung in besonderem Maße auffallen, werden geöffnet, d.h. die Rohre werden aufgeschnitten. Die eine Hälfte wird für das Archiv präpariert, der andere Teil dient als Arbeitsgrundlage für weitere Untersuchungen.

7. Die geöffneten Proben werden fotografiert.

8. Die geöffneten Kerne werden in ihrer Beschaffenheit charakterisiert (Farbe, Körnigkeit). Besondere Stellen erfahren eine genauere Untersuchung (Mikroskop, Sieben), z.B. der Einschlag des Asteroiden.

Ich beschreibe diesen Arbeitsablauf, weil deutlich wird, wie viele Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen nahtlos zusammenarbeiten müssen, damit die Expedition erfolgreich ist. Die Offenheit der Beteiligten, ihre Arbeit zu erläutern und das Verständnis für die Leistungen des anderen ist ein wichtiger Bestandteil der Kooperation.

Und zum Schluss die Neuigkeiten vom Wiegeclub. Zur Erinnerung: Letzte Woche betrug mein Gewicht 78 kg und ich habe drauf gewettet, dass es so bleibt. Leider musste ich 0,50 € in die Kasse geben, denn aktuell hat sich mein Gewicht auf 76,1 kg reduziert. Es fehlt halt das Marzipan an Bord und auch die Süßigkeiten sind nicht beliebig verfügbar. Für die nächste Woche habe ich auf Zunahme gewettet. Die ersten Weihnachtsteller mit Keksen sind angekündigt.

Alles Gute und eine schöne Vorweihnachtszeit

Ulrich Breitsprecher

4. Dezember 2009

Mit einer leichten Verspätung hat Polarstern von der Bunkerstation von
Punta Arenas abgelegt und sich auf den Weg in die Magellanstraße gemacht.
Wir lassen die Stadt hinter uns. Nur ihre Lichter grüßen uns noch lange in
der Dämmerung.

Früh am Morgen des Samstages lockt das Licht und ich stehe um 6.00 Uhr am
Oberdeck, um die Durchfahrt durch die Magellanstraße zu genießen. Wir
haben Glück, diesen engen Teil zu dieser Stunde zu passieren, so kann man
die Landschaft ringsum gut beobachten. Schneebedeckte Berge im Hintergrund
tauchen im Nebel auf, dunkle Schatten werfen die vorgelagerten Inseln -
ein beeindruckendes Szenario. Nur ab und zu bricht die Sonne durch und
lässt die Konturen dieser einsamen Landschaft deutlich hervortreten. Die
See ist ruhig, das Land ebenfalls. Nur der Wind zerrt an der Kleidung und
plustert mich zu einem Michelinmännchen auf.

Die Magellanstraße öffnet sich immer weiter und der Wellengang nimmt zu -
laut Bordmeteorologe sind Wellen in Höhe von 3-4 m zu erwarten.
Schließlich sind die Landmassen am Horizont nur noch zu erahnen und
Polarstern begibt sich auf den Weg zu seiner ersten Station, die am
Sonntag um 16.00 Uhr Ortszeit erreicht werden soll.

Einweisungen in die Bordsicherheit, in das Forschungsprogramm des
Fahrabschnitts und in die Schiffsregeln runden den Tag ab. Die Labore sind
in Betrieb gebracht. Die Wissenschaftler warten nun darauf, dass das
Schiff die 200 Meilenzone Chiles verlässt, um danach die Saison für die
Forschungsvorhaben der Expedition ANT XXVI/2 zu eröffnen.

Das Team der Wissenschaftler ist jung und dynamisch. Geduldig stillen sie
meine Neugier und es ist erschreckend, was ich alles nicht weiß.

Ich bin in einer Schicht des Teams zur Bearbeitung der gewonnen Kerne eingeteilt
(Vorbereitung der Probennahme, Zerteilen des Kerns, Auftrennen der Kerne
und anschließendes Fotografieren). Arbeitszeit ist von 4.00 Uhr
bis 16.00 Uhr. Bohrkerne von bis zu 25 m Länge werden mit einem
Kolbenlot, kürzere Kerne von der Sedimentoberfläche mit einem Multicorer
(12 Kerne in einem Bündel ungefähr 50 cm lang) aus dem Sediment gezogen.
Sie sind umhüllt von einem Kunststoffrohr. An Bord werden Sie in 1m Stücke
zersägt, beschriftet und dann für eine erste Einschätzung untersucht
(Alter, physikalische Eigenschaften, Zusammensetzung). Danach durchlaufen
sie mehrere Untersuchungsstadien, bis sie für eine weitere Analyse in
Deutschland im Schiffsrumpf gelagert werden. Über die genauen Abläufe
werde ich noch berichten.

Ich bin dem Wiegeclub beigetreten. Mein aktuelles Gewicht beträgt 78 kg
und ich vertraue drauf, dass ich trotz des guten Essens in der nächsten
Woche nicht zunehme. Wenn doch, muss ich fünfzig Cent bezahlen. Wir werden
sehen.

26.November 2009

Wind über dem Friedhof

Nach einem Flug entlang der Anden lichten sich die Wolken und die Magellanstraße wird sichtbar. Der Blick klebt am Fenster des Airbus und versucht die ersten Konturen von Punta Arenas zu erhaschen. Bei Windstärken um 100km/h ist Polarstern am Hafen nicht ganz einfach zu erkennen und die nötige ruhige Hand für ein Foto ist schwer zu erreichen. Aber wer gute Augen hat, findet Polarstern trotzdem. Punta Arenas ist sehr fotogen und bietet unzählige Motive, besonders geeignet ist der Friedhof, der der schönste in ganz Südameria sein soll. Also nichts wie hin, viele deutsche Gräber sind zu finden, daneben unzählige Mausoleen, die von dem ehemaligen Reichtum der Stadt zeugen.

Der Blick auf die Magellanstrasse führt in die Weite. Von Straße kann keine Rede sein, es ist eher eine 6-spurige einsame Autobahn. Am Ufer finden sich wenige Hinweise auf Badeurlauber, dafür bilden die Kaianlagen bizarre Strukturen. Am Freitag geht es an Bord und wir werden gegen Abend die nicht nur südlichste Großstadt der Welt, sondern auch die windigste verlassen.
Die Berichte kommen ab jetzt direkt vom Schiff. Bis dann
.

Heute ist der 17. November

So, hier sieht man, wie die Vorbereitungen für den Blog der Webseite getroffen werden. Von Polarstern schicke ich die Daten an das hiesige Headquarter und Thomas Schlosser setzt die Daten dann von Brinkum aus ins Netz. Ein direkter Webzugriff vom schiff ist kaum möglich, da erstens viel zu teuer und zweitens ist der Satellit Inmarsat nicht immer erreichbar. Zweimal in der Woche werden so Berichte auf dieser Webseite erscheinen. Also 10 Tage Geduld. Am 27. November verlässt Polarstern Punta Arenas. Dann gehts los.

Ulrich Breitsprecher